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Kaum zu glauben

Es steht geschrieben


... Wunder


Letzte Aktualisierung: 09.02.2026 2:00 h
ENTTÄUSCHTES VOLK
 
Wir alle wurden in einen Zustand geboren, in dem es geradezu natürlich ist, eine falsche Vorstellung von Gott zu haben. Diese Vorstellung wurde durch die Erziehung der Umwelt noch vertieft und erweitert. Wenn wir davon nicht befreit und in die wahre Erkenntnis Gottes eingeführt werden, wird es für uns unmöglich sein, die vollkommene Erfahrung eines Christen zu haben; auch das ewige Leben ist damit gefährdet.
 
Es mag scheinen, daß wir mit dieser Aussage zu weit gehen, doch bedenken wir die Geschichte der Juden in Christi Tagen; sie liefert einen Beweis für diese Tatsache.
 
Als Christus das erste Mal erschien und erstaunliche Wunder vollbrachte, das Königreich verkündete und bewies, daß er genau zu der Zeit kam, die in Daniel 9 vorhergesagt war, wurde er schnell populär. Tausende folgten ihm nach, im Vertrauen darauf, daß er die verlorene Herrlichkeit Israels wiederherstellen würde. Die jüdischen Führer studierten diese Bewegung mit wachsender Aufmerksamkeit, sahen sie doch, daß diese ihr Ansehen und ihre Macht untergrub. Jesu Nachfolger wuchsen ständig an Zahl bis zu dem Zeitpunkt, als er die Fünftausend mit den Broten und Fischen speiste. Als dann die Begeisterung des Volkes ihren Höhepunkt erreicht hatte und sie fest entschlossen waren, ihn jetzt zum König zu krönen, da wandte sich auf einmal die Begeisterung, und die Menschenmassen verließen ihn nach und nach. Von diesem Zeitpunkt an führte ihn jeder Schritt näher zum Kreuz, und die ihn begeistert zum König krönen wollten, schrieen nun: „Kreuzige ihn!“
 
Was war die Ursache für diese erstaunliche Sinnesänderung? Es ist nicht schwer, die Antwort zu finden. Die Menschen damals hatten eine ganz bestimmte Vorstellung von Gottes Charakter, die durch Erziehungs- und Umwelteinflüsse zustande gekommen war. Diese Vorstellung war so fest und stark, daß sie sie dahin führte, den Heiland abzulehnen, denn er entsprach nicht ihren Erwartungen und Wünschen. So wurde die Frage um Gottes Charakter die alles entscheidende Frage der Sendung Christi und des Schicksals der Juden. Hätten sie das Wesen Gottes richtig verstanden, dann wäre die Geschichte des Wirkens Jesu auf der Erde ganz anders verlaufen.
 
Ein gründliches Studium der wachsenden Auseinandersetzung zwischen Christus und dem Volk bringt alle Zweifel an der Richtigkeit der obigen Feststellung zum Schweigen. Die Bergpredigt war ein großes und bedeutendes Ereignis in dem frühen Dienst Christi. Alle Anwesenden waren in der Erwartung wichtiger Ankündigungen über das kommende Königreich gekommen.
 
Ellen G. White in Das Leben Jesu, S. 288
„Es waren Schriftgelehrte und Pharisäer unter ihnen, die dem Tage entgegensahen, der ihnen die Herrschaft über die verhaßten Römer bringen und die Reichtümer und die Pracht des größten Weltreiches zu eigen geben würde. Die armen Landleute und Fischer hofften ihrerseits auf die Versicherung, daß ihre elenden Hütten, die kärgliche Nahrung, das mühevolle Leben, die Furcht vor der Not vertauscht würden gegen Wohnungen des Überflusses und Tage der Sorglosigkeit. Sie hofften, daß Christus ihnen an Stelle des groben Gewandes, das ihnen am Tage Kleid und in der Nacht Decke war, die reichen und kostbaren Gewänder ihrer Unterdrücker gäbe. Alle Herzen wurden von der stolzen Erwartung ergriffen, daß Israel bald als das auserwählte Volk des Herrn von allen Völkern geehrt und Jerusalem zur Hauptstadt eines Weltreiches erhoben würde.“
 
Weil der Teufel sein Verführungswerk so vollkommen vollbracht hatte, glaubten sie nicht nur, daß der Messias sie auf diese Weise erhöhen würde, sondern daß er dies sogar durch die Schärfe des Schwertes täte. Sie meinten Gott als einen rachsüchtigen und vernichtenden Gott erkannt zu haben. Ihre Vorstellung vom Gott des Alten Testamentes führte sie zu dem Glauben, daß auch der Gott des Neuen Testamentes auf diese Weise handeln würde. Weil jedoch ihr Verständnis vom Charakter Gottes falsch war, wurden auch ihre Erwartungen enttäuscht.
 
Ellen G. White in Das Leben Jesu, S. 288
„Christus enttäuschte diese Hoffnung auf irdische Größe. In der Bergpredigt versuchte er, ihre durch falsche Belehrung entstandene Vorstellung zu zerstreuen und seinen Zuhörern einen richtigen Begriff von seinem Reich und seinem persönlichen Charakter zu geben.“
 
Das Volk hörte in der Bergpredigt zwar nicht das, weshalb es gekommen war, aber sie lehnten den Heiland zu diesem Zeitpunkt noch nicht ab. Er griff ihre Irrtümer nicht direkt an, und so wurden sie der vagen Hoffnung überlassen, daß er seine Macht schließlich doch so behaupten würde, wie es ihrer Vorstellung vom Charakter Gottes entsprach.
 
Ihre Knechtschaft unter den Römern hatte das stolze jüdische Volk in eine verzweifelte Lage gebracht. Sie brauchten große Hilfe, und sie wußten dies. Ihr Verständnis der Prophetie hatte sie dahin geführt, ihre ganze Hoffnung auf den Messias als die Antwort auf ihre mißliche Lage zu richten. Wenn er sie im Stich lassen würde, dann könnten sie sich nirgendwo mehr hinwenden.
 
Christus war nicht gekommen, um sie im Stich zu lassen. Er kannte genau ihre Bedürfnisse, und seine volle Absicht war, diese Bedürfnisse zu befriedigen. Die Lösung lag jedoch nicht im Gebrauch von Waffen und Gewalt. Sie lag darin, ihre Charaktere in das Ebenbild seines eigenen Charakters zu verwandeln. Aber die Juden waren auf ihre lang gehegten Bestrebungen so versessen, daß für die Betrachtung der anderen Möglichkeit, die Jesus ihnen anbot, kein Raum mehr vorhanden war.
 
Das alles erreichte seinen Höhepunkt bei der Speisung der Fünftausend. Während dieses langen Tages hatte Jesus ihre Herzen durch seine wunderbaren Lehren ergriffen. Die Kranken wurden geheilt und die Menge gespeist. An diesem Tage sagte einer zum anderen:
 
Johannes 6:14
‚Das ist wahrlich der Prophet, der in die Welt kommen soll.‘
 
Ellen G. White in Das Leben Jesu, S. 367 f.
Den ganzen Tag waren sie immer mehr davon überzeugt worden. Jene krönende Handlung nun gibt ihnen die Gewißheit, daß der lang erwartete Erlöser unter ihnen weilt. Die Hoffnung aller Anwesenden wird immer größer. Er ist es, der Judäa zu einem irdischen Paradies machen wird, zu einem Land darin Milch und Honig fließen, er kann jeden Wunsch erfüllen; er kann die Macht der verhaßten Römer brechen; er kann Juda und Jerusalem befreien und die in der Schlacht verwundeten Soldaten heilen; er kann Heere mit Nahrung versorgen, Völker besiegen und auch Israel die lang ersehnte Herrschaft geben.

In ihrer Begeisterung sind sie bereit, Jesus sofort zum König zu krönen. Sie sehen, daß er sich keinerlei Mühe gibt, die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken oder sich ehren zu lassen. Hierin unterscheidet er sich wesentlich von den Priestern und Obersten, und sie befürchten, daß er nie seinen Anspruch auf Davids Thron geltend machen wird. Sie beraten gemeinsam und kommen überein, Gewalt anzuwenden und ihn als König von Israel auszurufen. Die Jünger schließen sich der Menge an und erklären, daß der Thron Davids das rechtmäßige Erbe ihres Herrn sei. Nur Jesu Bescheidenheit, sagen sie, veranlasse ihn, diese Ehre auszuschlagen. Möge doch das Volk seinen Befreier erheben, dann werden die hochmütigen Priester und Obersten gezwungen sein, den mit göttlicher Macht ausgestatteten Heiland zu ehren.
 
Sie erkannten, daß Jesus sie liebte und daß er all die Macht besaß, um ihnen ihre Wünsche zu erfüllen. Die einzige Charakterart, die sie kannten und verstehen konnten, war jene, die den Besitz großer Macht dazu gebraucht, den eigenen selbstsüchtigen Bestrebungen zum Ziel zu verhelfen. Daß Christus solch einen Charakter nicht besaß, konnten sie nicht erkennen, noch wollten sie sich darüber belehren lassen. Er liebte die Römer ebenso wie die Juden, auch konnte er in keiner Weise Gewalt anwenden, um irgendein ersehntes Ziel zu erreichen. Es hätte nicht seinem Charakter entsprochen, hätte er sich von ihnen zum König salben lassen. Ebenso wenig hätte er seine große Macht zum Vorteil einer Klasse, die er liebte, gegenüber einer anderen gebraucht. Mit einer Autorität, der niemand widerstehen konnte, entließ er die Jünger und die Menge.
 
Der bittere Vorwurf, den die Apostel Jesus machten, war:
 
Ellen G. White in Das Leben Jesu, S. 370
Warum offenbarte er, der doch solche Macht besaß, nicht seinen wahren Charakter und machte dadurch ihren Weg müheloser?
 
Die Wahrheit war jedoch, daß Christus seinen Charakter vollkommen auslebte. Er tat genau das, was er selbst war. Die Jünger verstanden seinen wahren Charakter nicht, deshalb erwarteten sie von ihm ein völlig anderes Verhalten. Als er dann nicht das tat, was er nach ihrer Überzeugung hätte tun sollen, fühlten sie sich betrogen und hintergangen.
 
Ebenso empfand die Menschenmenge. Als sie ihn am nächsten Tag näher befragten, sahen sie, daß er seine Macht niemals in der Weise gebrauchen würde, wie sie es erwarteten. Aus diesem Grunde verließen sie ihn, um nie wieder zurückzukehren.
 
Ellen G. White in Das Leben Jesu, S. 384
Falls er seine Macht und seinen Einfluß nicht dazu verwenden würde, sie von den Römern zu befreien, dann wollten sie mit ihm nichts mehr zu tun haben.
 
Ihr falsches Verständnis des Charakters Gottes, wie er sich in Christus offenbarte, führte die Juden dahin, von Christus zu erwarten, daß er sie von den Römern vollständig befreite und sie auf die Höhen materiellen Reichtums führte. Er war doch auch ein Jude wie sie. Er war doch als der Messias zu dem auserwählten und begünstigten Volk gesandt worden. Er hatte doch die Macht. Darum, so schlußfolgerten sie, war es auch seine Pflicht, seine Kraft dazu zu gebrauchen, sie zu begünstigen. Wenn er sich weigerte, dies zu tun, war er nichts anderes als ein Verleugner der eigenen Sache. Sie befanden ihn als des Verrats schuldig und beschlossen, sich zu rächen. Sie schrieben Christus genau den Charakter zu, den sie selbst besaßen. Deshalb wandten sie die Macht, die ihnen zur Verfügung stand, an, um ihn zu töten. In der gleichen Weise hätte er seine Macht ihrer Meinung nach bei den Römern anwenden sollen. Um ihre Pläne gegen Christus auszuführen, beschuldigten sie ihn vor den Römern, er trachte danach, der König der Welt zu sein. Sie beschuldigten ihn also genau dessen, wozu sie selbst ihn hatten drängen wollen. Dies war eine völlig falsche Anschuldigung, die sie zwar in die gewünschte Lage versetzte – sie wollten ja Rache üben an dem, von dem sie glaubten, er habe sie verraten –, die jedoch die Tore für Fluten des Elends öffnete, die auch bald über die Nation kamen. Seit jener Zeit hat kaum ein Volk so gelitten wie die Juden. Ihr Schicksal würde niemand teilen wollen.
 
Wenn sie nur den Charakter Gottes verstanden hätten, der in Christus doch so vollkommen offenbart wurde, oder wenn sie wenigstens willig gewesen wären, diesen kennen zu lernen! Dann würden sie nicht solche Erwartungen in Jesus gesetzt haben. Auch hätten sie ihn dann nicht verworfen und in ihrer Rache gekreuzigt.
 
So war also die Frage des Charakters Gottes und Christi die alles entscheidende Frage bei seiner Mission und dem Schicksal der Juden.
 
Auszug aus "Siehe, das ist unser Gott" von Frederic T. Wright
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